Die EU-Taxonomie legt fest, welche wirtschaftlichen Aktivitäten als nachhaltig gelten und welche nicht. Damit die EU bis 2050 klimaneutral werden kann, sollen Investorinnen und Investoren ihr Geld zukünftig in erster Linie in Technologien fließen lassen, die im Sinne der EU-Taxonomie als klimaverträglich eingestuft werden. Dass dazu nun unter bestimmten Voraussetzungen auch die Energiegewinnung aus Atomkraft und Erdgas zählen soll, sorgt für heftige Diskussionen.
In Österreich fiel der Stichtag im Jahr 2021 auf den 2. Oktober. An diesem Tag war der Strom-Overshoot-Day. Das bedeutet, ab diesem Datum war der selbst erzeugte Strom aus erneuerbaren Energien rein rechnerisch aufgebraucht. Für den Rest des Jahres wurde Strom aus Kohle, Gas und Atomkraft importiert. Bis 2030 hat Österreich das Ziel, den gesamten Stromverbrauch mit erneuerbaren Energien abdecken zu können. Aber woher kommt der fehlende Strom in der Zwischenzeit?
Die EU argumentiert, bei ihrer Entscheidung gehe es vor allem um die Beschleunigung des Ausstiegs aus Kohle. Als Übergang zu einer CO2-freien Energieerzeugung benötige es ihrer Meinung nach Atomkraft und Gas. Sie wählt damit das geringere Übel, trotz scharfer Kritik ihres eigenen Beratergremiums zu diesem Thema. Die Expertengruppe befürchtet, dass die Glaubwürdigkeit der EU-Taxonomie sinken könnte. Obwohl Kernenergie eine CO2-freie Stromerzeugung ermöglicht, bleibt offen, was mit dem radioaktiven Atommüll geschehen soll. Die Klärung dieser Frage soll vorerst auf 2050 verschoben werden. Zudem wurden die Grenzwerte für den CO2-Ausstoß von Gaskraftwerken im Kommissionsentwurf lascher definiert als bisher. Auch Investitionen in neue Gaskraftwerke bis 2030 gelten als nachhaltig, sofern sie schädlichere Kraftwerke ablösen und bis 2035 mit klimafreundlichen Gasen wie Wasserstoff betrieben werden.
Dass sich Frankreich mit seinen 56 aktiven und weiteren geplanten Reaktoren für eine nachhaltige Klassifizierung von Atomenergie einsetzt, war vorhersehbar. Im Gegensatz dazu kritisiert Deutschland diese Entscheidung, schließlich stehen sie selbst so kurz vor dem Ausstieg aus der Atomkraft. Gegen eine nachhaltige Einstufung von Erdgas hat Deutschland hingegen nichts, denn sie wollen von der noch klimaschädlicheren Kohle, die Ende 2021 über 30 % des Deutschen Energie-Mix ausmachte, wegkommen. Es scheint, jedes Land versucht mal wieder die Regeln für sich selbst passend hinzubiegen und die EU-Kommission lässt als Kompromiss einfach Beides durchgehen.
Nun haben das EU-Parlament und die einzelnen Mitgliedsstaaten vier Monate Zeit, um diesen Beschluss zu verhindern. Dafür bräuchte es entweder eine Mehrheit im Parlament oder ein Veto von 20 der 27 EU-Länder. Doch die Chancen stehen bei beiden Optionen schlecht. Denn sowohl im Parlament als auch bei den Mitgliedsstaaten überwiegen die Kernkraft-Befürworter. Österreich hat daher bereits angekündigt gegen den Beschluss der EU-Kommission zu klagen. Luxemburg möchte sich dem anschließen.
Die Diskussion verdeutlicht die Dehnbarkeit des Nachhaltigkeitsbegriffes am Kapitalmarkt. Anlegerinnen und Anleger sollten davon ausgehen, dass Atomkraft und Gas zukünftig gemäß EU-Taxonomie als nachhaltig gelten werden. Wer die Branchen Atomkraft und Gas nicht in seinem Portfolio haben möchte, der sollte auch weiterhin bei der Auswahl von nachhaltigen Geldanlagen genaustens hinsehen.
Zeit Online (2022): EU-Kommission stuft Atomkraft und Gas als nachhaltig ein
https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-02/eu-kommission-stuft-atomkraft-und-gas-als-nachhaltig-ein [Letzter Zugriff: 07.02.2022]UmweltDialog (2021): Österreich: bis Silvester nur mehr Kohle, Erdgas und Atomstrom
https://www.umweltdialog.de/de/umwelt/energiewende/2021/Strom-Overshoot-Day-Bis-Silvester-nur-mehr-Kohle-Erdgas-und-Atomstrom.php [Letzter Zugriff: 07.02.2022]Handelsblatt (2022): Braucht es Gas und Atomkraft, um die Klimaziele zu erreichen? – Die EU-Kommission sagt Ja
https://www.handelsblatt.com/politik/international/eu-taxonomie-braucht-es-gas-und-atomkraft-um-die-klimaziele-zu-erreichen-die-eu-kommission-sagt-ja/28031474.html [Letzter Zugriff: 07.02.2022]Tagesschau (2022): Eine Ohrfeige für die EU-Kommission
https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr/eu-taxonomie-atomenergie-expertenrat-101.html [Letzter Zugriff: 07.02.2022]Frankfurter Allgemeine Zeitung (2021): Kohlestrom legt deutlich zu
https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/deutscher-strommix-kohlestrom-legt-deutlich-zu-17684354.html [Letzter Zugriff: 07.02.2022]Bildnachweis Titelbild: https://stock.adobe.com/